Skript zum Vortrag vom 7. Februar 2011

Burnout – Die Krankheit der Sieger

Der Begriff „Burnout“ entstammt der Kernphysik und bezeichnet durchgebrannte Brennstäbe.

Was aber ist Burnout genau? Überlastung, Stress, eine Form von Depression, ein Nervenzusammenbruch ...?

Bislang gibt es keine verbindlichen Aussagen über den Burnout. Keine klaren Phasenverläufe, etc. Momentan gibt es über 50 wissenschaftliche Definitionen darüber was Burnout denn sei.
Dabei gibt es wahrscheinlich so viele Burnout-Syndrombilder, wie es Menschen gibt. Denn jeder Mensch ist einzigartig und reagiert anders auf die Umwelt. Relativ sicher ist; Burnout ist ein Phänomen der Arbeitswelt. Der subjektiv erlebte Stress spielt eine Rolle und persönliche Faktoren. Wie widerstandsfähig ist jemand? Welche Erholungsmöglichkeiten kennt er. Wie leicht kann jemand abschalten, sich abgrenzen? (Vulnerabilitäts-Stressmodell, Resilienz, Ressourcen ...)

Wenn man von Burnout redet, spricht man auch immer von Stress. Das Wort „Stress“ wird häufig negativ besetzt, dabei gibt es zweierlei Arten von Stress. Es gibt den Eu-Stress (beispielsweise mit Leidenschaft an einem, vielleicht sogar kreativen, Projekt arbeiten) und den Dis-Stress (beispielsweise im Stau stecken, obwohl man gleich einen wichtigen Kundentermin wahrzunehmen hat)

Was passiert bei Dis-Stress? Es werden Botenstoffe, vor allem Cortisol, ausgeschüttet, die umfangreiche Wirkungen auf den Organismus haben. Die wichtigsten Reaktionen betreffen das Herzkreislaufsystem, die Atmung, die Muskulatur, den Stoffwechsel, die Haut, die Sinnesorgane und das Gehirn. Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, weil sich die Gefäße verengen, die Muskulatur spannt sich an und der Atem beschleunigt sich. Es kommt zu vermehrtem Schwitzen, die Verdauung wird heruntergefahren, das physische Schmerzempfinden sinkt, die Wahrnehmung verengt sich. Körperlich ist alles bereit für Angriff oder Flucht.
Dieser Stress kann überall entstehen. Am Arbeitsplatz, im Privatleben oder durch unvorhergesehene Belastungen, die von außen oder innen (Krankheit) kommen können. Stressfaktor Nr.1 ist heute meist der Job. Jeder 3. Berufstätige arbeitet am Limit. Hohes Arbeitstempo, Informationsflut und Termindruck sind dabei die Hauptursachen.
40% aller Berufstätigen fühlen sich stark erschöpft oder sogar ausgebrannt. In Deutschland wurden im Jahr 2009 Berufstätige für insgesamt 10 Millionen Tage wegen Burnout krankgeschrieben! Innerhalb der vergangenen 5 Jahre ist die Zahl der Krankschreibungen wegen Burnout um 17% gestiegen. Doch nicht nur Berufstätige stehen unter Druck. Laut einer Studie klagen 95% der Hausfrauen und -männer über Stress.

Die eigenen, bzw. gesellschaftlichen Werte in der Burnout-Diskussion

Unsere Gesellschaft ist eine Arbeits-, Leistungs- und Erfolgsgesellschaft. Nur wer Arbeit hat, viel leistet und damit erfolgreich ist, ist etwas wert. Wer keine Arbeit hat, bei der Leistung nicht mehr mithalten kann oder erfolglos ist, ist nichts wert.
Der Wert und Selbstwert hängt sehr von der Arbeit und dem damit verbundenen Status ab. Das merkt man schon, wenn man sich kennenlernt. Nach dem Namen, wird der Beruf erfragt. Was arbeiten Sie? Wo arbeiten Sie?
Der Mensch ist ein hierarisch strukturiertes Gruppenwesen und die Hierarchie richtet sich in unserer Gesellschaft danach wie viel Geld jemand hat und welche Stellung er in der Arbeitswelt und Gesellschaft einnimmt.
Schwächen zeigen ist dabei verpönt. Wer nicht mehr mithalten kann ist entweder faul, dumm, krank oder hat eben einfach versagt. Deshalb fällt es uns schwer Schwächen zuzugeben. Nein, wir beißen die Zähne zusammen und halten durch.
„Wer bremst verliert.“ „Stillstand bedeutet Rückschritt.“ Solche Sprüche spiegeln gut den Geist wider, der unser gesellschaftliches Leben bestimmt. Jeder muss gesund sein, fit sein, gut gelaunt, sich stets selbst weiter optimieren. Der Fokus wie sich Leistung definiert, wird immer enger. Burnout zu haben, bedeutet für die Betroffenen immer auch eine Niederlage angesichts dieses Erfolgdenkens in unserer Gesellschaft.

Es existiert keine klare Wertewelt mehr. Früher war es die Kirche und die Staatsordnung, welche die Werte vorgaben und bestenfalls auch vorlebten. Heute haben viele Menschen ihr Vertrauen in diese Strukturen verloren. Das macht zunächst einmal orientierungslos. Wonach soll man sich richten? Was gibt es für übergeordnete Werte? Gibt es die überhaupt? Und so drängen sich die Werte einer leistungsorientierten Arbeits- und Erfolgsgesellschaft immer mehr in den Vordergrund. Man definiert sich fast nur noch über die Arbeit und den Erfolg oder daran wie viele materielle Güter man in der Lage ist anzuhäufen. Doch welche übergeordneten Werte hat der jeweilige Mensch?
Und für alles ist jeder Einzelne ganz und gar alleine verantwortlich. Dabei ist der Mensch ein Gemeinschaftswesen. Er ist darauf angewiesen mit der Gruppe und in der Gruppe Verantwortung für sich und die Gruppe zu übernehmen. Heutzutage aber muss jeder alles alleinverantwortlich managen. Beruf, Familie, Partner, Kinder, Haushalt, Freund und Bekannte ...

Die Gesellschaft und die stete Beschleunigung aller lebensbestimmender Ereignisse können wir nicht ändern. Ändern können wir nur uns selbst. Unsere Einstellungen und Bewertungen.

Informationsoverload

Entwicklungsgeschichtlich hat sich das menschliche Gehirn seit 120.000 Jahren nicht mehr weiterentwickelt. Die Reiz- und Informationsflut ist allerdings, insbesondere in den letzten 200 Jahren, enorm gestiegen. In jeder Sekunde nimmt das Unterbewusstsein 11 Millionen Bits an Information auf.
Davon werden maximal 40 Bits für das Bewusstsein heraus selektiert und aufbereitet und damit müssen wir uns in der Welt orientieren.
Um einen besseren Vergleich zu bekommen: Wäre das Unterbewusstsein so hoch wie der Mount Everest, dann wäre das Bewusstsein gerade einmal 3,2 Zentimeter groß! Deshalb entwickelt sich Burnout am Bewusstsein vorbei. Deshalb gilt es das eigene Denken und Handeln und damit Fühlen und Wahrnehmen bewusst zu machen und zu verändern.

Ist man erst einmal in den Burnout geraten, wird auch der Eu-Stress als Dis-Stress empfunden und wahrgenommen. Normalerweise soll uns Stress motivieren etwas (körperlich) zu unternehmen. Von Natur aus haben wir drei Reaktionsschemata auf Dis-Stress. Fight, Flight or Fright. (Kampf, Flucht oder Starre) Wobei die Flucht- oder Angriffsreaktionsmuster beim Menschen natürlicherweise überwiegen. In der heutigen Zeit aber können wir unsere Stresschemie oft nicht mehr unmittelbar abbauen, weil wir meist in Verhaltensstarre geraten. Wir unterdrücken unsere Impulse und versuchen einfach weiterzumachen.
Man stelle sich folgende Situation vor: Der Vorgesetzte lässt einen Angestellten zu sich rufen und kritisiert mit lauter und erregter Stimme die Arbeitsleistung, obwohl dieser Mensch stets alles gibt. Was tun ein Angestellter in der Regel in solchen Situationen? Rennt er weg? Greift er seinen Chef an? Nein, in der Regel tut er nichts von beidem, sondern lässt die in Form und Inhalt möglicherweise als ungerechtfertigt empfundene Kritik über sich ergehen. Der Angestellte kehrt an seinen Arbeitsplatz zurück, raucht womöglich schnell noch eine Zigarette vor der Tür, und versucht wieder seiner Arbeit nachzukommen.
Die Botenstoffe Noradrenalin, Adrenalin und Cortisol welche bereit gestellt wurden blitzartige Muskelkontraktionen zu ermöglichen, können so nicht schnell genug wieder abgebaut werden und vergiften deshalb den eigenen Körper. Viele solcher Erlebnisse führen dazu, dass immer schneller und leichter immer mehr von dieser Biochemie ausgeschüttet wird und immer mehr dieser Botenstoffe und Hormone im Körper zirkulieren. In Körper und Gehirn bildet sich eine Datenautobahn für Stress. Die betreffende Person wird zunehmend empfindlicher, dünnhäutiger, gereizter und will nur noch seine Ruhe haben ...

Burnout auslösende Faktoren


Es gibt innere und äußere Auslöser, die einander oft bedingen, bzw. miteinander verwoben sind.

Äußere Faktoren:
·    Leistungs- und Konkurrenzdruck am Arbeitsplatz
·    Unsicherer Arbeitsplatz
·    Unpräzise Arbeitsanweisungen
·    Ärger mit Vorgesetztem/Kunden/Kollegen/Team/Partnerin/Familie/Freunden
·    Als ungerechtfertigt empfundene Kritik
·    Schlechte Bezahlung
·    Täglich im Berufsverkehr zur Arbeit
·    Informationsüberflutung
·    Zeit- und/oder Termindruck in der Arbeit und/oder Privat
·    Häufige Störungen/Unterbrechungen während der Arbeit
·    Häufig krank
·    Die Leistungsgrenze wird häufig erreicht oder überschritten
·    Umweltbelastungen, wie Lärm, Schmutz, Gestank ...
·    Nicht ausreichende Erholungsphasen
·    Keine klare Trennung zwischen Berufs- und Privatleben
·    Unklare/unrealistische Zielvorstellungen der Vorgesetzten/Kunden/Kollegen
·    Wenig Handlungs- und Entscheidungsspielraum
·    Überforderung durch zu komplexe Aufgaben

Innere Faktoren:
·    Sorgen und Existenzängste
·    Perfektionismus
·    Rauchen, Alkohol, Kaffee, Medikamente, Drogen
·    Hohe Ideale
·    Ausgeprägte Gewissenhaftigkeit
·    Musturbationen (Du musst dieses, du musst jenes --> keine Schwäche zeigen)
·    Unfähigkeit Grenzen ziehen zu können („Nein“ sagen können)
·    Versagensangst
·    Angst vor Kritik
·    Angst vor Bedeutungslosigkeit
·    Identifikation und Wertung der eigenen Person über Arbeit und Leistung
·    Tiefe Sehnsucht nach Anerkennung durch andere Menschen
·    Hoher Blutdruck
·    Mangelnde Ressourcen


Burnout Symptome


Die Symptome zeigen sich auf vielfältige Weise; Physisch und Psychisch, emotional und rational, sozial und auf der Ebene des Verhaltens.
Cortisolausschüttung stoppt das Glückshormon Serotonin. Warum gibt es dieses Cortisol? Auch das liegt wieder in der Vergangenheit begründet. Cortisol wird beispielsweise ausgeschüttet, wenn ein Mensch verletzt wird. Es zieht die Blutgefäße zusammen, was mögliche Blutungen schneller stoppen lässt und macht zudem müde. Das soll bewirken, dass der Mensch liegen bleibt, bzw. ruht, bis es ihm wieder besser geht. Wir aber bekämpfen diese Müdigkeit durch Kaffee oder Durchhalteparolen, bis das Cortisol den gesamten Körper vergiftet.
Dies hat die unterschiedlichsten Wirkungen zur Folge, wie beispielsweise Magen-Darmbeschwerden, Durchfall, Verstopfung, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Abgeschlagensein. Die Kreativität, das Denk- und Konzentrationsvermögen, Empathie, all das leidet und wird geschwächt.

Regelmäßiger und angemessener (Ausdauer)Sport hilft das Cortisol schneller wieder abzubauen.

Das Cortisol und seine Partner (bspw. das Noradrenalin) verengen die Gefäße und verändern zudem das Blutbild. Etwa verkleben die roten Blutkörperchen zu so genannten Geldrollen, wodurch weniger Sauerstoff aufgenommen wird. Erschöpfung und Konzentrationsschwächen sind die Folge. 

Das Kardinalsymptom des Burnouts ist die absolute Erschöpfung. Diese mündet früher oder später in einen physischen und/oder psychischen Zusammenbruch!

Ein Mensch sagt, und ist stolz darauf,
er gehe ganz in seiner Arbeit auf.
Bald aber, nicht mehr ganz so munter,
geht er in seiner Arbeit unter


(Eugen Roth)



Psychische/emotionale Symptome:

- Gefühle des Versagens, Ärgerns und Widerwillens
- Schuldgefühle
- Frustration
- Gleichgültigkeit
- Nervöse Ticks
- Verspannungen
- Konzentrationsstörungen
- Vergesslichkeit
- Merkfähigkeitsstörungen
- Schlechte Laune
- Vernachlässigung von Hobbys und Interessen
- Niedergeschlagenheit und Entmutigung
- Wut und Aggression
- Angst und Unsicherheit
- Das Gefühl nur noch wie ein Roboter zu funktionieren
- Vermindertes Empathievermögen
- Intoleranz und Ungeduld
- Leichte Reizbarkeit
- Unkontrollierte Gefühlsausbrüche
- Misstrauen
- Zynismus/Sarkasmus/Ironie
- Gefühl der Verzweiflung/Ausweglosigkeit
- Flucht und Suizidgedanken

Physische Symptome:

- Andauernde Müdigkeit/Erschöpfung/Schwäche/Energiemangel
- Schlafstörungen/Schlafsucht/Albträume
- Abnahme des Reaktionsvermögens
- Geschwächtes Immunsystem
- Häufige Erkältungen und Grippen
- Kopfschmerzen
- Magen- Darm- Beschwerden
- Atembeschwerden
- Sexuelle Probleme (Erektionsstörungen, Lubrikationsstörungen, Dyspareunie ...)
- Erhöhte Pulsfrequenz
- Erhöhter Cholesterinspiegel
- Rückenschmerzen/Nackenschmerzen
- Verstopfung/Durchfall
- Herzklopfen/-rasen
- Schwindelanfälle
- Tinnitus

Symptome auf der Verhaltensebene:
- Drogen- oder Alkoholmissbrauch
- Erhöhte Aggressivität
- Häufigeres Fehlen am Arbeitsplatz
- Längere Pausen
- Verminderte Effizienz

Soziale Symptome:
- Verlust von positiven Gefühlen gegenüber Kunden, Kollegen, Freunden ...
- Widerstand gegen Anrufe und Besuche
- Unfähigkeit, sich auf Menschen zu konzentrieren und zuzuhören
- Isolierung und Rückzug
- Ehe- und Familienprobleme
- Einsamkeit
- Verringerte Konfliktfähigkeit
- Übersteigerte Reaktionen


„NEIN“ sagen lernen.

Das Nein
Das ich endlich sagen will
Ist hundertmal gedacht
Still formuliert
Nie ausgesprochen.
Es brennt mir im Magen
Nimmt mir den Atem
Wird zwischen meinen Zähnen zermalmt
Und verlässt
Als freundliches Ja
Meinen Mund

(Peter Turrini)



Nicht; Wie kann ich diese Probleme bewältigen?

Sondern; Welche Fähigkeiten möchte ich erlernen, bzw. weiter entwickeln, um den Herausforderungen des Lebens gerecht zu werden und dabei nicht nur gesund zu bleiben, sondern vielleicht sogar Spaß daran zu haben?

Praxisteam